Donnerstag, 25. September 2014

Daumen raus, einfach mal weg - Reisen per Anhalter

Hallo ihr Lieben,

nach meiner stressigen Semester-Endphase (die eigentlich schon zu Semesteranfang begonnen hatte), hatte ich den ganz großen Wunsch, nochmal wegzufahren. Ein paar Tage was anderes sehen, auf andere Gedanken kommen und durchatmen, bevor dann die Reportagereise (=Arbeit!) und das Einrichten in Straßburg anstanden. Gemeinsam mit dem Freund stand als Ziel schnell Amsterdam fest, denn dort wollten wir beide schon lange mal hin. Allerdings fanden wir so spontan weder Züge, Flüge oder Busse, die in unserem (zu diesem Zeitpunkt sehr knappen) Studentenbudget drin gewesen wären. Irgendwie haben wir uns dann beide einfach gedacht, "Ach, dann trampen wir halt". Das war lustig, denn wir haben das beide noch nie gemacht. Aber es hat einfach so gut zur ganzen Situation gepasst - ganz im Sinne von "der Weg ist das Ziel". Wir wollten was erleben, was sehen, ein Abenteuer. Und dafür war diese Fortbewegungsart perfekt.


Und so fanden wir uns plötzlich mit zwei vollgepackten Rucksäcken und einem Pappschild mit der Aufschrift "Amsterdam" am Straßenrand wieder. Wir sind viel zu spät losgekommen, der Platz war total schlecht gewählt und es regnete. Gleich zu Beginn wurde klar - das wird kein Zuckerschlecken. Aber wir waren zu zweit und wir hatten ein Ziel (das knapp 700 km entfernt lag). Wir ließen uns einfach nicht unterkriegen von allen widrigen Umständen, zu keinem Zeitpunkt stellten wir infrage, irgendwann in Amsterdam anzukommen. Tatsächlich war letztendlich unsere An- und Abreise genauso wertvoll wie der Urlaub selbst. Wir haben so viele nette Menschen getroffen, mir wird noch heute warm ums Herz, wenn ich mich zurück erinnere. Es war ein bisschen so als könnte man durchs Trampen den Glauben an die Menschheit zurückgewinnen, falls man ihn denn verloren haben sollte. Und die wichtigste Lektion war: "Es geht immer weiter". So ist das nämlich, immer im Leben: Manchmal weiß man noch nicht, welchen Weg man als nächstes einschlagen wird. Mit welchem Transportmittel, schnell oder langsam. Wer einen begleiten wird. Wann die nächste Etappe endet und eine neue beginnt. Aber wir sind angekommen und haben wunderbare Tage in Amsterdam verbracht!
Ich dachte, ich fasse einfach mal 10 Tipps und Tricks zusammen. Falls ihr auch mal Lust habt, per Anhalter zu reisen, sind sie natürlich ganz besonders nützlich. Aber ihr werdet sehen, sie sind auch auf andere Lebensbereiche anwendbar! (Achtung, heute gibt es sehr viel Text :).)


1. Startposition. Tendenziell müssen die Leute überredet werden, Tramper mitzunehmen. Man muss es ihnen daher so einfach wie möglich machen - dazu gehört auch, ihnen die Gelegenheit zu geben, leicht anhalten zu können ohne sich oder andere Verkehrsteilnehmer zu gefährden. (In den Niederlanden gibt es extra "Liftershalte"!)      
2. Kommunikation. Ein Schild mit dem Reiseziel gehört natürlich zur Standardausstattung. Dennoch würde ich euch empfehlen, die Leute auch anzusprechen (z.B. an der Tankstelle). Im Gespräch findet man schnell raus, ob die Person überhaupt keine Tramper mitnehmen möchte oder ob sie einfach nur unsicher ist und leicht überzeugt werden kann. Ausserdem kann man gemeinsam überlegen, wo man rausgelassen werden kann, wenn die Person nicht genau in die richtige Richtung fährt. Kommunikation ist alles!                
3. Autobahn. Falls ihr die Möglichkeit habt, startet direkt an der Autobahn. Aus der Stadt raus zu trampen ist schwieriger und es dauert länger. Ist man erstmal an einer Raststätte, geht es oft ziemlich schnell. Wir sind manchmal fast aus einem Auto ins andere gestiegen. Und überlegt genau, wo ihr aussteigen wollt! Wir sind mal gestrandet, weil wir an einem Autohof rausgelassen wurden - es war richtig schwierig, wieder auf die richtige Autobahn drauf zu kommen.
An Landstrassen kann man natürlich auch trampen, aber gerade wenn man längere Strecken zurücklegen möchte, sollte man auf jeden Fall die Autobahn wählen.
4. Reiseroute. Allerdings solltet ihr natürlich an der richtigen Autobahn starten. Überlegt euch vorher eure Route. Ein Strassenatlas (oder das Handy mit Internet) sind Gold wert, um zu verhindern, dass ihr plötzlich in die völlig falsche Richtung fahrt.
5. Gepflegtes Äusseres. Sollte eigentlich selbstverständlich sein - man hat natürlich bessere Chancen, mitgenommen zu werden, wenn man einen gepflegten, sauberen Eindruck macht.
6. Gepäck. Natürlich hat man Gepäck dabei. Aber man sollte sich schon beschränken, sonst scheitert es am Ende am fehlenden Platz im Auto. Ausserdem würde ich auf jeden Fall einen Rucksack empfehlen, denn es kann durchaus sein, dass man auch mal ein Stück laufen muss. 
7. Flexibilität. Das Zauberwort! Fahrt auch mal mit Personen mit, die nicht genau eure geplante Reiseroute abfahren. Wenn ihr später an einer geeigneten Stelle aussteigen könnt, habt ihr trotzdem viele Kilometer gewonnen. Und versucht einfach, mit den Fahrern für alles gemeinsam Lösungen zu finden. Wir sind mit einem Paar mitgefahren, dessen Auto schon komplett voll war. Aber sie weren bereit, uns einfach dazuzupacken. Es war eng, heiss und stickig, aber wir sind 100 km vorwärts gekommen. 
8. Offenheit. Versucht, eure Reise ohne Vorurteile anzutreten. Meist waren es die alleinreisenden Geschäftsmänner in den teuersten Autos, die uns am bereitwilligsten mitgenommen haben. Aber auch ein älterer Osteuropäer mit weissem Lieferwagen hat uns weitergebracht, obwohl er kein Wort Deutsch konnte. 
9. Bauchgefühl. Trotzdem solltet ihr natürlich auch auf euer Bauchgefühl achten. Ich würde als Frau sowieso nie alleine trampen, einfach weil ich mich nicht sicher fühlen würde. Man braucht ein gewisses Mass an Überwindung und Offenheit, sonst kommt man nicht vorwärts. Wenn man aber wirklich ein schlechtes Gefühl hat, sollte man trotzdem nicht einsteigen. Am Anfang habe ich jedes Mal eine sms mit dem Autokennzeichen an meine Mutter geschickt, weil ich mich so besser fühlte. Das habe ich später auch nicht mehr gemacht, aber wer möchte sollte es tun.
10. Geduld und Freude. Ihr erlebt ein Abenteuer! Das heisst auch, dass mal alles schiefgehen kann. Dass ihr stundenlang festsitzt. Dass jeder euch ablehnt. Seid trotzdem mit Spass bei der Sache, denn niemand möchte einen Griessgram einsteigen lassen. Lächelt die Autofahrer an, auch wenn ihr müde und hungrig seid. Und habt Geduld. Weil wir bei Köln an der falschen Raststätte standen, warteten wir fünf (!) Stunden. Aber dann trafen wir einen Holländer, der uns direkt in einem Rutsch bis kurz vor Amsterdam zu einem Bahnhof gefahren hat und ich hätte ihn am liebsten geknutscht. Das Gefühl war unbeschreiblich!
 

Seid ihr auch schon mal per Anhalter gereist? Habt ihr noch mehr Tipps? Wäre das was für euch? Oder überhaupt nicht?

Stürzt euch ins Leben!
Eure Assata


Kommentare:

  1. Das klingt ja sehr interessant! Ich bin noch nie per Anhalter gereist, aber meine Eltern erzählen immer viel davon, dass sie das früher gemacht haben. Ich dachte, das sei mittlerweile auch mehr oder weniger "ausgestorben". Aber ich hätte auch mal Lust, sowas zu machen.

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    1. Mein Papa hat das früher auch immer gemacht und viel davon erzählt ;) Ich denke, das wird auf jeden Fall immer weniger - auch weil, glaube ich, die Leute immer misstrauischer werden...

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  2. Nie im Leben mache ich das ... und gut finde ich es eigentlich auch nicht. Immerhin hattest du noch deinen Freund dabei. Aber beim Trampen sind mir einfach schon zu viele junge Frauen entführt worden und noch schlimmeres, deshalb kommt das für mich nicht in Frage. Aber ich bin auch ein grosser Angsthase ;)

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    1. Wie gesagt, alleine würde ich es auch nicht machen. Aber ich wollte es gerne mal erlebt haben - und wir haben wirklich durchweg nur Positives und Schönes erlebt :)

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  3. Wow, da habt ihr ja was erlebt. Klingt richtig aufregend. Alleine würde ich auch nicht trampen, da hätte ich viel zu viel Angst. Wobei ich wahrscheinlich sowieso nie trampen werde, weil ich ein kleiner Angsthase bin und sehr schüchter :D
    Deine Tipps finde ich richtig gut. Vor allem der mit dem Nummernschild. Finde ich nicht verkehrt.

    Liebe Grüße
    luisa

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  4. Uhh, also Trampen würde ich nicht, ich hätte zu viel Angst. Im übrigen auch auf Seite des Autofahrers. Ich fahre öfter lange Strecken allein im Auto und hab ab und an Anhalter gesehen. Auch wenn ich mit dem Gedanken gespielt habe, den einen oder anderen mitzunehmen, kam mir dann doch immer schnell in den Sinn: Das ist vielleicht ein Massenmörder - haha. Und schwups war man schon lange dran vorbei gefahren.
    Liebe Grüße,
    Daniela

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