Donnerstag, 17. März 2016

Von Bausparverträgen und Klopapierrollen - vom Zusammenziehen


Mein Herz,

jetzt ist es einen Monat her, seit wir die Schlüssel für unsere erste gemeinsame Wohnung abgeholt haben. Manchmal kann ich es noch immer kaum glauben. Es ist wirklich passiert, wir haben die lange Fernbeziehung beendet und uns in ein neues Abenteuer gestürzt. Wenn ich daran denke, wie wir Schritt für Schritt aus zwei Leben ein gemeinsames gemacht haben, kann ich nur staunen.

Wir sind unzählige Male zum Möbelhaus gefahren, haben Löcher gebohrt und über Wandbilder diskutiert. Wir haben Kartons ein- und wieder aus- und wieder eingepackt und in den Keller geräumt. Haben den Esstisch hin und hergerückt und Lampen angebracht. Unsere Ordner und Bücher und DVDs in ein großes Regal gestellt. Mein Lieblingsposter hängt über deiner Kommode.

Du hast den Kopf geschüttelt über meine vielen Küchensachen, die einen Schrank nach dem anderen gefüllt haben. Deine asiatisch angehauchten Einrichtungsgegenstände machen mich immer noch fast wahnsinnig. Das Panda-Bild, das du so toll findest, steht jetzt im Regal hinter der Tür. Du hast mir ein tolles, großes Brett aufgehängt, auf dem ich meine Lieblingstassen präsentieren kann. Und einige Tage später stand zwischen den pastellfarbenen Blümchenbechern plötzlich eine blau-weiße Trinkschale mit Bambusmotiv. Ich hab mich über die Kleider aufgeregt, die du überall auf dem Boden liegen lässt und musste im gleichen Moment lachen, weil wir damit beide so ein gängiges Klischee bedienen. Genauso wie: Du bist genervt, wenn ich keine Klopapier-Rolle nachlege, wenn die alte leer ist. 

Dass wir jetzt dieses Paar sein sollen, dass abends gemeinsam Zähne putzt, dabei über Internetanbieter nachdenkt und samstags den Wocheneinkauf macht, ist verrückt. Und ich muss zugeben, dass mir das auch Angst gemacht hat. Können wir Alltag? Was wird passieren, wenn wir uns jeden Tag sehen, nicht mehr exklusiv Zeit miteinander verbringen? Uns plötzlich darum kümmern müssen, dass die Küche geputzt wird, die Betten gemacht sind und wir im Bad immer ausreichend lüften und heizen? Werden wir uns darüber streiten, wer den Müll runterbringt? Wer wäscht die Wäsche, wer hängt sie auf und wer kauft neue Zahncreme, wenn sie leer ist? Schwindet allmählich die Leidenschaft, das Verliebtsein? Was ist eigentlich mit dem Finanziellen? Und: Kommt jetzt der Stillstand, vor dem wir die ganze Zeit so tapfer davon gelaufen sind? Wir hatten uns eingegroovt in der langen Fernbeziehung. Hatten unseren eigenen Rhythmus, unsere Rituale und Gewohnheiten. Die wurden über den Haufen geworfen. Es war turbulent, vielleicht auch ein bisschen anstrengend, aber tatsächlich ist es noch viel, viel schöner, als ich es mir hätte vorstellen können.

Ich habe gemerkt: Auch nach vielen Jahren gibt es immer noch erste Male. Dadurch werden sowohl die banalste Kleinigkeit als auch die größte Unglaublichkeit zu Motoren, die stetig frischen Wind in unser Leben blasen. Und dabei ist es völlig egal, wie oft wir uns sehen und wer wo wohnt. Sie lauern überall, die ersten Male. In den letzten Wochen gab es zum Beispiel: zum ersten Mal in der eigenen Wohnung stehen, zum ersten Mal gemeinsam Gäste empfangen, zum ersten Mal ein Wochenende alleine bleiben und merken - dieses Vermissen ist das Beste überhaupt. Zum ersten Mal völlig unvernünftig unter der Woche teuer essen gehen, zusammen ein Sofa aufbauen, sich den neuen Nachbarn vorstellen. Zum ersten Mal "Viel Spaß heute Abend" statt "Schreib wenn du daheim bist" sagen. Zum ersten Mal über Bausparverträge reden: Du tippst in deinen Laptop. Ich frage: Was machst du gerade? Und du antwortest: Ich rechne die Rendite von meinem Bausparvertrag aus. Und ich sitze neben dir und starre dich an. Trocken, langweilig, spießig? Vielleicht. Aber in diesem Moment warst du für mich vor allem witzig, sexy und liebenswert, weil ich gar nicht glauben konnte, dass das gerade wirklich passierte. 

Das wird natürlich nicht immer so bleiben, immerhin haben wir vor, ein ganzes Leben miteinander zu verbringen. Vielleicht bin ich noch viel zu kitschig-verliebt und naiv. Aber im Moment bin ich mir sicher, dass sehr viele weitere erste Male darauf warten, uns ein bisschen aufzuwirbeln. Wir müssen es nur zulassen, und da bin ich zuversichtlich. Denn, egal ob Stoßlüfter (du) oder Fensterkipperin (ich), frische Luft haben wir beide schon immer gemocht. Aus dem kleinen, bedrohlichen Wörtchen "Alltag" ist mein neues Lieblingswort geworden.

Kommentare:

  1. Liebe Assata,
    Der Post berührt mich sehr. Ich denke dabei an meine wunderschönen Erfahrungen in einer gemeinsamen Wohnung und hoffe das auch bald wieder erleben zu können. ich wüsche euch viel Glück und vor allem starkes Durchhaltevermögen auch bei schwierigen Situationen immer noch eure Liebe als das Wesentliche zu sehen.
    Ich freue mich für dich. Nach so langer Zeit geht ein Wunsch in Erfüllung. Behalte ihn.

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  2. Oh so schön, ich wünsche euch alles Gute im gemeinsamen Heim. Das Zusammenziehen ist noch einmal eine Beziehungsprobe. Aber nach vielen Jahren gemeinsam durchs Leben gehen wird das gut funktionieren.
    Liebe Grüsse, Sabrina

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    1. Liebe Sabrina, Danke für deinen lieben Kommentar!

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  3. Oh wie schön... jetzt bin ich glücklich, dass ich euch beide so lange kenne. :)
    Ich hebe die Flasche Wasser neben mir und stoße an, auf viele weitere erste Male in der neuen Wohnung.
    Cássi

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  4. Wow,
    Ich glaube das ist mein bisher liebster Eintrag von dir. Ich muss schon sagen, dass das Pandabild überhaupt einen Platz finden durfte, freut mich ja sehr :D Ich kann es kaum erwarten, euch zwei endlich mal "bei euch" besuchen zu können. Wer weiß, wann ich es das nächste Mal schaffe, einen Kurzurlaub zu nehmen.
    Weiterhin ganz viel Spaß, Geduld und Erste Male,
    Alles Liebe, Sophie

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    1. Hihi Sophie, nichts für ungut ;) vielen Dank & wir freuen uns auf deinen Besuch! :-*

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